Sommer 1948

Die Westsektoren Berlins sind durch die sowjetische Militärverwaltung von der Versorgung auf dem Land- und Wasserweg abgeschnitten.

Der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter appelliert in seiner berühmten Rede an die Völker der Welt: "Schaut auf diese Stadt!"

Obwohl die Zukunft alles andere als gesichert ist, wagen die Brüder Günther und Herbert Adam im Jahr der Berlin-Blockade eine Unternehmensgründung in der eingeschlossenen Stadt: Die Firma Union Chemie Erzeugnisse GmbH. Sie führen damit ein Familienunternehmen fort, das sich unter dem Namen Union-Seifenfabrik in Falkensee, vor den Toren der damaligen Reichshauptstadt, mit der Produktion von chemischen Erzeugnissen schon in der Kaiserzeit einen Namen gemacht hatte. Doch die Fabrik ist verloren, sie liegt im sowjetischen Sektor.

Jetzt ist Unternehmergeist gefragt.
Einziges Kapital der Brüder in dieser Zeit ist ihr Fachwissen und ein größerer Bestand an wertvollen Duftstoffen, der über die Krisenzeit hinweg gerettet werden konnte. Als eines der ersten Unternehmen in Deutschland setzt die Union Chemie von Beginn an auf Aerosoltechnik. Zunächst werden Duftsprays produziert, die hauptsächlich bei Arztpraxen, Blumenläden und Filmtheatern zur Raumluftverbesserung Absatz finden. Viele Floristen fragen zunehmend nach Farbsprays zum schnellen Einfärben und Auffrischen von Trockenblumen und Keramik. Sie wollen flexibel und unkompliziert auf spezielle saisonale Farbwünsche ihrer Kundschaft reagieren können. Auch für diesen Zweck erweist sich die neue Technologie, die im Laufe der fünfziger Jahre vor allem mit dem Haarspray in die Haushalte einzieht, als hervorragend geeignet. Aus diesem Markt entsteht das Kerngeschäft der Union Chemie: die Belieferung des Großhandels für Floristen- und Dekorationsbedarf mit hochwertigen Farb- und Effektsprays. Und während Berlin mit dem Bau der Mauer im August 1961 ein weiteres Mal im Brennpunkt der Weltgeschichte steht, entwickelt sich das Familienunternehmen kontinuierlich weiter.

Trotz schwieriger Bedingungen in der Inselstadt Berlin (West) beliefert die Union Chemie Kunden in Westdeutschland von Bayern bis Schleswig-Holstein, bald auch europaweit. Das Unternehmen bleibt stets auf Augenhöhe mit seinen Abnehmern und kann so direkt auf aktuelle Farbtrends und spezielle Kundenbedürfnisse eingehen.

Am heutigen Firmenstandort im Industriegebiet Berlin-Reinickendorf werden seit 1989 Sprays mit umweltfreundlichem, FCKW-freien Treibmittel abgefüllt. Als eines der ersten Unternehmen hat die Union Chemie GmbH das EU-Öko-Audit absolviert und wurde im Dezember 1995 entsprechend zertifiziert. Nach dem Fall der Mauer erweiterte sich der Markt rapide, im Laufe der neunziger Jahre kamen Kunden in den neuen Bundesländern und in Osteuropa hinzu. Die steigende Nachfrage erforderte 2007 die Erweiterung der bestehenden Produktionsanlagen um eine moderne Füllstation für Kanisterware.

Technische Innovationen und Unternehmergeist waren und sind bis heute das wichtigste Kapital des Familienunternehmens, das seit 2004 von Birgit Adam in der nunmehr dritten Generation geführt wird. In erster Linie geht es darum, Trends rechtzeitig zu erkennen und den Kunden die dafür geeigneten Produkte an die Hand zu geben – heute wie vor 60 Jahren.